Nathalie Stutzmann dirigiert „Rienzi“: Bayreuths 150. Festspiele feiern eine umstrittene Premiere
Zum ersten Mal erklingt Richard Wagners frühe Oper „Rienzi“ auf dem Grünen Hügel. Dirigentin Nathalie Stutzmann setzt auf Leichtigkeit und Belcanto – und weist den Hitler-Bezug entschieden zurück.


Am 26. Juli hebt sich im Bayreuther Festspielhaus der Vorhang zu einer historischen Premiere. Zum ersten Mal in der 150-jährigen Geschichte der Bayreuther Festspiele erklingt Richard Wagners Frühwerk „Rienzi, der letzte der Tribunen“. Am Pult steht Nathalie Stutzmann, die mit ihrer Interpretation des musikalischen Spektakels einen Gegenpol zu der oft kolportierten Hitler-Verehrung setzen will. Die Oper, so die Dirigentin, sei eine Friedensoper.
Premiere auf dem Grünen Hügel
Die 150. Bayreuther Festspiele beginnen mit einem Novum: „Rienzi“ war bislang nie auf dem Spielplan des Grünen Hügels. Das Werk, das Wagner in den späten 1830er-Jahren als „große tragische Oper in 5 Aufzügen“ konzipierte, gilt als Frühwerk und steht stilistisch zwischen Belcanto und der späteren Musikdramatik. Für Stutzmann ist es genau dieser Übergang, der die Inszenierung so reizvoll macht. Keiner der Musiker des Festspielorchesters habe bisher Erfahrung mit der Partitur, betont die Dirigentin – das ermögliche eine frische, unverbrauchte Annäherung.
Stutzmanns Interpretation: Leicht und schlank
Stutzmann, 1965 bei Paris als Tochter zweier Musiker geboren, blickt auf eine jahrzehntelange Sängerkarriere zurück. Als Kontra-Altistin arbeitete sie mit Größen wie John Eliot Gardiner und Ton Koopman zusammen, später wechselte sie ans Dirigentenpult. Ihr Ideal für „Rienzi“: ein Orchesterklang, der „atmet und singt“, orientiert an der Leichtigkeit und Farbigkeit des Belcanto – besonders an Bellini, den Wagner selbst schätzte. Die Proben auf dem Grünen Hügel seien „hart, aber auch eine große Freude“ gewesen, weil keine zementierte Aufführungstradition existiere, die man hinterfragen müsse.
Der Klang des Friedens
Ein zentraler Punkt für Stutzmann ist die Aussage der Oper. Im dritten Akt wenden sich die Frauen Roms in einem Gebet an die heilige Jungfrau, um Schutz für ihre Söhne zu erbitten – ein fast kirchenmusikalischer Ton, der von martialischen Blechbläsern überlagert wird. Der Dirigentin zufolge zeigt dies: „Rienzi“ ist eine Oper für den Frieden. Die angebliche Begeisterung Adolf Hitlers für das Stück ändere daran nichts. Der historische Bezug, so Stutzmann, sei keine Rechtfertigung für eine politische Vereinnahmung des Werks.
Wichtige Fakten
| Aspekt | Detail |
|---|---|
| Werk | Richard Wagner: „Rienzi, der letzte der Tribunen“ (1838–1840) |
| Dirigentin | Nathalie Stutzmann, Musikdirektorin des Atlanta Symphony Orchestra |
| Ort | Festspielhaus Bayreuth, 150. Bayreuther Festspiele |
| Premiere | Juli 2026 |
Kritik und Kontroversen
Trotz der künstlerischen Begeisterung gibt es auch kritische Töne. In Atlanta, wo Stutzmann seit 2022 Musikdirektorin ist, wurde ihr Führungsstil wiederholt infrage gestellt. Zu Spannungen kam es auch in New York, nachdem sie die Tätigkeit der Orchestermusiker im Graben als „boring“ bezeichnet hatte. In München, wo sie 2026 einen vielgelobten „Faust“ an der Bayerischen Staatsoper dirigierte, soll das Arbeitsklima ebenfalls nicht optimal gewesen sein. Stutzmann selbst weist das Diktatoren-Klischee von sich: „Die besten Musiker sind die bescheidensten, die der Musik dienen, nicht dem eigenen Ego.“
Bedeutung für das Festival
Die Integration von „Rienzi“ in den Bayreuther Spielplan ist ein Zeichen für die Öffnung des Festivals gegenüber dem Frühwerk Wagners, das lange als unreif galt. Für das deutsche Kulturkalender ist die Neuproduktion ein Pflichttermin – auch für Cineasten und Festivalbesucher, die den Grünen Hügel als Teil der deutschen Festspieltradition schätzen. Die magische Balance zwischen Sicherheit und Risiko, die Stutzmann anstrebt, verspricht einen unvergesslichen Abend.
Quelle: FAZ Feuilleton – „Rienzi“ in Bayreuth: Hitlers Liebling? Das ist eine Friedensoper! (https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/oper/nathalie-stutzmann-dirigiert-erstmal-den-rienzi-in-bayreuth-accg-201046302.html)
Quelle
FAZ Feuilleton Originalveroeffentlichung: 2026-07-25T06:08:51+00:00
Clara Hoffmann
Stars- und Entertainment-Reporterin
