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Mel Brooks: 100 Jahre subversive Komik und seine Relevanz heute

Zum 100. Geburtstag des legendären Komikers Mel Brooks beleuchtet ein Nachruf seine bahnbrechende Arbeit, die Grenzen der Komik und die Generationenkluft in der Rezeption seines Humors.

News Veroeffentlicht 27 Juni 2026 5 Min. Lesezeit Leonie Weber
Mel Brooks, legendärer Komiker und Regisseur, in einem Archivfoto.
Anne Bancroft & Mel Brooks.jpg | by Alan Light | wikimedia_commons | CC BY 2.0

Zum 100. Geburtstag des legendären Komikers Mel Brooks wirft ein Nachruf einen Blick auf sein Werk, das die Grenzen der Komik sprengte und bis heute kontrovers diskutiert wird. Brooks‘ anarchische Hemmungslosigkeit lehrte, dass reine Spitzenfinger hier fehl am Platz sind. Er stand stets zur Rohheit der Pointen und kannte keine Gnade bei der Subversion.

Mel Brooks‘ Mission

In einem Interview aus den späten 1970er Jahren bekräftigte Brooks, dass seine Komik keine Grenzen kennen dürfe. Auf die Einwände, dass einige Szenen in seinen Filmen Unbehagen auslösen könnten, wie der Tausch eines Blindenhunds in „Silent Movie“, erwiderte er: „Wir können die Blinden nicht ausnehmen, sie leiden wie die Sehenden. Wir können niemanden auslassen. Geht es um Komödien, dann kriegt jeder etwas ab.“ Selbst als man ihm vorhielt, Blinde könnten seine Filme nicht sehen, ließ er sich nicht beirren: „Sehen Sie, was ich für die Tauben gemacht mit ‚Silent Movie‘. Zum ersten Mal nach 40 Jahren konnten die Taubstummen der ganzen Welt einen Film sehen.“ Dieser Komiker hatte zweifellos eine Mission.

Kindheitserinnerungen und frühe Erfolge

In den 1970er Jahren wuchs der Autor mit Brooks‘ Filmen auf. „Silent Movie“, hierzulande als „Mel Brooks‘ letzte Verrücktheit“ bekannt, war eine frühe Begegnung mit dem Regisseur, dessen Name im Titel auftauchte – ein Novum für den jungen Kinogänger. „Frankenstein Junior“ und „Blazing Saddles“ (mal als „Is‘ was Sheriff“, mal als „Der wilde, wilde Westen“) liefen ständig im Repertoire und parodierten Genres, die dem Publikum inzwischen vertraut waren. Die treue Verpflichtung von Komponist John Morris und das Peitschenknallen im Titelsong von „Blazing Saddles“ sorgten für garantierte Lacher. Brooks‘ Anzüglichkeiten elektrisierten als Pubertierende, und die subtile Auseinandersetzung mit puritanischer Geilheit wurde vielleicht schon geahnt. „The Producers“ (Frühling für Hitler) kam erst mit erheblicher Verspätung in Deutschland heraus und brach, trotz Spaß an den Nazi-Gags, mulmig aus dem Parodie-Schema aus. „High Anxiety“ (Mel Brooks‘ Höhenkoller) hingegen wurde mit Spannung erwartet, da die satirische Hitchcock-Aneignung als meisterhaft und liebevoll empfunden wurde.

Generationenkluft und Kritik

Vor Kurzem las der Autor in der „New York Times“ die Kritik eines Buches von Elizabeth Stordeur Pryor, der Tochter des Komikers Richard Pryor. In „Something we said: Richard Pryor, A Notorious Word, and Me“ setzt sie sich mit dem „N-Word“ auseinander. Ein Schlüsselmoment war die Konfrontation mit einer Dialogzeile aus „Blazing Saddles“, an dessen Drehbuch Richard Pryor mitwirkte: „We’ll take the ch*nks and the n*ers, but we don’t want the Irish.“ Während Elizabeth Stordeur Pryor die Fassung verlor, musste der Autor laut lachen – eine entlarvende Umkehrung eines genrebedingten Rassismus. Der Film selbst zeigt die chinesischen Arbeiter nicht, aber die schwarzen Eisenbahnarbeiter sind solidarisch empört und fordern die Inklusion der Iren. Die Perspektive des Films folgt einer schwarzen Coolness, verkörpert von Sheriff Cleavon Little. In den sozialen Medien findet die anklagende Buchstäblichkeit des weißen Studenten wohl reichlich Zustimmung, und Brooks selbst lädt dazu ein, Dinge beim Wort zu nehmen. Doch hier offenbart sich eine Generationenkluft: Ist aus dem „acquired taste“ ein „lost taste“ geworden? Kritiker akzeptierten seine Geschmacklosigkeiten widerwillig wegen der verlockenden Meta-Ebene, die aber heute durch seinen Spott über politische Korrektheit konterkariert wird.

Alternde Witze und filmische Handwerkskunst

Nicht alle Albernheiten von Brooks sind zeitlos. Insbesondere manche Schwulen-Karikaturen haben ihr Haltbarkeitsdatum überschritten. Beim Wiedersehen einiger Filme fiel auf, dass ihr Rhythmus veraltet sein könnte, da Pausen für Lacher im Heimkino nicht immer funktionieren. Dennoch tritt der parodistische Effekt, trotz der sorgfältigen Kalkulation, ein wenig zurück. Brooks‘ Filme bis Ende der 1970er Jahre sind liebevoll inszeniert. Er umgab sich stets mit den besten Talenten, wie Gerald Hirschfeld für die Kameraführung und Dale Hennesy für die Szenenbilder in „Frankenstein Junior“. Als Totalfilmemacher wirkte er an den Drehbüchern mit, gab den Schnitt nie aus der Hand, um die Filme neu zu schreiben. Die oft als niedrig empfundene Lachschwelle musste hohen Ansprüchen genügen.

Humor als Überlebensstrategie

Der französische Kritiker Robert Benayoun empfahl, den Begriff des Galgenhumors durch den des Krematoriumhumors zu ersetzen. Wer über den Narren lacht, tötet ihn nicht so einfach. Brooks‘ Werk, auch als „Vandalismus“, besaß eine gewisse Legitimation. Jüdischer Humor erlaubt zwar nicht jede Ungeheuerlichkeit, geht aber mit einem Gewappnetsein einher, das den Blick schärft. Sein Remake von Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ zog eine Bilanz seiner Nazi-Gags und reflektierte zugleich den Skandal, den das Original 1942 auslöste. Es war vielleicht sein persönlichster Film. Sein Kino arbeitete an einer „Brooklynisierung“ der Welt, brach sie auf das Vertraute herunter. Kenneth Tynan bemerkte einmal, Brooks‘ Komik entstehe nicht nur aus der Furcht vor dem Tod, sondern aus seinem Hass auf ihn. Der „Hundred Year Old Man“ ist zählebig, und seine Glückwünsche formulierte er selbst: „Hope for the best, expect the worst.“

Wichtige Fakten

Merkmal Beschreibung
Mel Brooks‘ Geburtstag Feiert voraussichtlich seinen 100. Geburtstag.
Subversiver Humor Bekannt für seine anarchische Komik und das Ausloten von Grenzen.
Generationenkluft Rezeption seines Humors variiert stark zwischen Generationen.
Filmografie Wichtige Werke: „Silent Movie“, „Frankenstein Junior“, „Blazing Saddles“.

Die anhaltende Wirkung von Mel Brooks‘ subversivem Humor zeigt, wie Komik genutzt werden kann, um Tabus zu brechen und gesellschaftliche Normen zu hinterfragen. Seine Filme sind auch heute noch relevant und regen zu Diskussionen über die Grenzen des Humors an.

Quelle: epd Film – Die Iren nehmen wir auch – https://www.epd-film.de/blogs/autorenblogs/2026/die-iren-nehmen-wir-auch

Quelle

epd Film Originalveroeffentlichung: 2026-06-26T22:05:36+00:00