Poor Things“: Ein prächtiges Frankenstein-Märchen – Lohnt sich der Kinobesuch?
Yorgos Lanthimos' "Poor Things" ist ein visuell überwältigendes und intellektuell anregendes Kinoerlebnis. Aber ist die bizarre Geschichte um Bella Baxter etwas für jeden Geschmack? Unsere Analyse beleuchtet die Hintergründe und Kritiken.


"Poor Things" ist ein Film, der polarisiert. Yorgos Lanthimos, bekannt für seine exzentrischen Werke wie "The Lobster" und "The Favourite", präsentiert mit "Poor Things" eine moderne Interpretation des Frankenstein-Motivs. Im Mittelpunkt steht Bella Baxter, gespielt von Emma Stone, deren Gehirn nach ihrem Selbstmord durch ein Babygehirn ersetzt wird. Was folgt, ist eine bizarre Reise der Selbstentdeckung, die sowohl verstörend als auch faszinierend ist. Aber ist dieser Film etwas für jeden Kinogänger? Eine kritische Einordnung.
Die Handlung: Eine Reise der Selbstfindung
Bella Baxter erwacht in einer viktorianisch anmutenden Welt zu neuem Leben. Ihr Schöpfer, der brillante und exzentrische Wissenschaftler Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe), behandelt sie wie ein Experiment. Bella lernt sprechen, laufen und die Welt zu verstehen – alles in einem rasanten Tempo. Getrieben von ihrer Neugierde, bricht sie mit dem Anwalt Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) auf eine Reise durch Europa auf, die sie mit den unterschiedlichsten Kulturen und Lebensweisen konfrontiert. Dabei entdeckt sie ihre Sexualität, ihre politische Überzeugung und ihren Wunsch nach Freiheit.
Die Geschichte ist eine Mischung aus groteskem Humor, philosophischen Fragen und visueller Opulenz. Lanthimos scheut sich nicht, Tabus zu brechen und das Publikum mit unbequemen Wahrheiten zu konfrontieren.
Kritiken und Reaktionen: Zwischen Begeisterung und Ablehnung
"Poor Things" feierte seine Premiere auf den Filmfestspielen von Venedig, wo er mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Die Kritiken sind überwiegend positiv, loben aber vor allem Emma Stones herausragende Leistung und die visuelle Gestaltung des Films. Stone verkörpert Bella Baxter mit einer Mischung aus kindlicher Naivität und unbändiger Lebenslust. Die Ausstattung und das Szenenbild sind opulent und detailreich, die Kameraführung ist experimentell und verstörend.
Allerdings gibt es auch kritische Stimmen. Einige bemängeln die übertriebene Darstellung von Sexualität und die stellenweise zynische Weltsicht des Films. Andere finden die Handlung zu konstruiert und die Charaktere zu überzeichnet. Ob der Film gefällt, hängt stark vom persönlichen Geschmack ab. Wer sich auf einen konventionellen Kinobesuch freut, könnte enttäuscht werden. Wer aber offen ist für ungewöhnliche und provokante Geschichten, wird von "Poor Things" begeistert sein.
Was die offiziellen Quellen sagen
Searchlight Pictures, der Verleih von "Poor Things", bewirbt den Film als "unglaubliche Geschichte der fantastischen Entwicklung von Bella Baxter". Auf der offiziellen Webseite finden sich Trailer, Bilder und Hintergrundinformationen zum Film. Die Altersfreigabe der SPIO liegt bei 16 Jahren. Das deutet darauf hin, dass der Film aufgrund seiner freizügigen Darstellung von Sexualität und Gewalt nicht für jüngere Zuschauer geeignet ist.
Die Berlinale listet Yorgos Lanthimos als einen der wichtigsten europäischen Filmemacher der Gegenwart. Seine Filme zeichnen sich durch ihren einzigartigen Stil und ihre provokanten Themen aus.
Lohnt sich der Kinobesuch? Eine Checkliste
Um zu entscheiden, ob "Poor Things" das Richtige für Sie ist, helfen folgende Fragen:
- Mögen Sie Filme von Yorgos Lanthimos?: Ja / Nein / Kenne ich nicht
- Sind Sie offen für ungewöhnliche Geschichten?: Ja / Nein
- Stören Sie freizügige Darstellungen?: Ja / Nein / Kommt drauf an
- Erwarten Sie einen konventionellen Film?: Ja / Nein
- Interessieren Sie sich für philosophische Fragen?: Ja / Nein
Wenn Sie die meisten Fragen mit "Ja" beantwortet haben, könnte "Poor Things" ein lohnenswertes Kinoerlebnis sein. Andernfalls sollten Sie sich vielleicht nach einer Alternative umsehen.
Fazit: Ein Film, der im Gedächtnis bleibt
"Poor Things" ist kein Film für die breite Masse. Er ist provokant, verstörend und visuell außergewöhnlich. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem unvergesslichen Kinoerlebnis belohnt. Emma Stone brilliert in der Rolle der Bella Baxter, und Yorgos Lanthimos beweist einmal mehr sein Talent für das Inszenieren von bizarren und faszinierenden Welten. Ob der Film gefällt, ist letztendlich Geschmackssache. Eines ist jedoch sicher: "Poor Things" ist ein Film, über den man spricht.
Jonas Richter
Film- und Branchenkolumnist
