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Offline Clubs“ boomen: Warum Menschen Geld zahlen, um ihr Handy wegzulegen

Immer mehr Menschen suchen nach analogen Erlebnissen und echter Verbindung. "Offline Clubs" bieten eine Lösung, indem sie bewusst auf Smartphones verzichten – und dafür sogar bezahlt wird.

News Veroeffentlicht 15 Juli 2026 4 Min. Lesezeit Leonie Weber
Teilnehmer eines "Reading Rave" in Köln genießen eine smartphonefreie Lesezeit im Freien.
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In einer Welt, die zunehmend von digitalen Bildschirmen dominiert wird, wächst die Sehnsucht nach echten, analogen Erlebnissen. Diesem Bedürfnis begegnen sogenannte „Offline Clubs“, die Menschen zusammenbringen, um bewusst auf ihre Smartphones zu verzichten und stattdessen wieder direkten Kontakt zu suchen. Das Konzept, das seinen Ursprung in Amsterdam hat, erfreut sich auch in Deutschland wachsender Beliebtheit.

Der Kölner „Reading Rave“ ist ein Beispiel für diese Bewegung. An einem sonnigen Julitag versammeln sich rund 200 Personen im Freien, ausgestattet mit Picknickdecken und Büchern. Hier wird gelesen, aber ohne die Ablenkung durch Smartphones. „Wir sind eine Bewegung“, erklärt die Organisatorin Scintilla Benevolo, die den Kölner „Offline Club“ ins Leben gerufen hat. Ihre Mission sei es, Menschen wieder mit sich selbst und anderen zu verbinden.

Das Modell der „Offline Clubs“ stammt aus Amsterdam, wo vor fünf Jahren drei Niederländer ein Franchise gründeten. Mittlerweile hat sich „The Offline Club“ in ganz Europa etabliert und bietet ein breites Spektrum an Aktivitäten an. Dazu gehören Natur-Ausflüge, Brettspielnachmittage, mehrtägige Digital-Detox-Retreats oder entspannte Feierabenddrinks auf Dachterrassen – allesamt ohne die ständige Begleitung des Smartphones.

Es geht um Verbindung

Ein wiederkehrendes Motiv bei den Teilnehmern solcher Veranstaltungen ist das Bedürfnis, „zusammen alleine zu sein“. Es geht um echte, persönliche Begegnungen, fernab von digitalen Profilen und Kommentarspalten. Der bewusste Verzicht auf das Smartphone wird dabei als entscheidendes Element betrachtet, um diese Authentizität zu fördern.

Während einige „Offline Clubs“ im privaten Rahmen stattfinden, verlangen die professionell organisierten Veranstaltungen, wie die des niederländischen Franchise-Partners, oft eine Gebühr. In Amsterdam gibt es sogar Mitgliedschaften für etwa 25 Euro im Monat. Diese Kosten werden nicht für das Offline-Sein an sich bezahlt, sondern für den Zugang zu einer Gemeinschaft Gleichgesinnter. Die Kölner Veranstaltung finanziert sich hingegen über Spenden.

Ironische Werbung für eine digitale Entwöhnung

Die Werbebotschaften der „Offline Clubs“ spielen oft humorvoll mit der digitalen Abhängigkeit. Slogans wie „Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit mit Scrolling verbracht“ – natürlich auf Englisch – zielen auf eine junge, urbane und oft mehrsprachige Zielgruppe ab. Diese Generation, die laut einer Postbank-Digitalstudie von 2025 durchschnittlich über drei Tage pro Woche online verbringt, spürt zunehmend den Wunsch, diese Balance zu verändern. Weniger Zeit in sozialen Medien war 2025 laut einer Bitkom-Umfrage einer der beliebtesten Neujahrsvorsätze für Mittzwanziger.

Digitale Entschleunigung statt vollständiger Entzug

Der Kommunikationswissenschaftler Julius Klingelhoefer von der Universität Erlangen-Nürnberg beobachtet eine wachsende Zahl von Menschen, die Strategien der „Digital Disconnection“ im Alltag anwenden. Im Gegensatz zu einem strikten „Digital Detox“ geht es hierbei nicht um einen vollständigen Verzicht, sondern um eine bewusste Regulierung der Bildschirmzeit. Die „Offline Clubs“ bieten hierfür eine strukturierte Möglichkeit.

Die Motivation hinter diesem Trend ist vielschichtig. Eine zentrale Rolle spielt die Sehnsucht nach mehr Authentizität in sozialen Beziehungen. Die Gen Z gilt heute als eine der einsamsten Altersgruppen, was möglicherweise mit der passiven Nutzung von Social-Media-Plattformen wie TikTok und Instagram zusammenhängt, wo echte Kontakte selten geknüpft werden.

Zudem kritisieren viele Nutzer, dass Algorithmen die Inhalte und Kontakte bestimmen, anstatt dass sie selbst die Kontrolle über ihre digitale Nutzung behalten. „Offline Clubs“ werden daher als bewusste Interventionen gesehen, als Rückzugsräume von großen Tech-Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf der Monetarisierung von Aufmerksamkeit basiert.

Wichtige Fakten

Merkmal Beschreibung
Trend Zunehmende Beliebtheit von „Offline Clubs“
Ursprung Amsterdam
Zielgruppe Junge, urbane, digital-affine Menschen
Kernidee Bewusster Verzicht auf Smartphones für echte Verbindungen
Organisation Kommerziell (mit Gebühr/Mitgliedschaft) oder privat (auf Spendenbasis)

Ein widersprüchlicher Aspekt ist die Organisation und Bewerbung dieser Veranstaltungen über Social Media, obwohl sie das Offline-Erlebnis fördern. Dennoch werden sie als wichtiges Mittel verstanden, um den Menschen mehr Kontrolle über ihre digitale Interaktion zu geben.

Objektive Wirkung fraglich, subjektives Wohlbefinden im Fokus

Obwohl es Hinweise auf kleine Verbesserungen im Wohlbefinden gibt, sind die objektiven Effekte von „Digital Disconnection“ nicht immer eindeutig. „Es ist nicht so, dass man sich automatisch besser fühlt, wenn man auf das Smartphone verzichtet“, so Klingelhoefer. Die Forschung deutet jedoch darauf hin, dass das Wohlbefinden steigt, wenn Nutzer die Kontrolle darüber haben, ob sie digital verbunden sind oder nicht. „Offline Clubs“ ermöglichen genau diese selbstbestimmte digitale Pausierung. Auch wenn sie kein Massenphänomen sind, schaffen sie wertvolle Räume mit eigenen Regeln für bewusste analoge Momente im digitalen Zeitalter.

Auch nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung, wenn ein Signalton die Teilnehmer des Kölner „Reading Raves“ zur Rückkehr in die digitale Welt auffordert, berichten viele von einem positiven Gemeinschaftsgefühl und dem Wunsch, solche Offline-Erlebnisse zu wiederholen.

Quelle: Tagesschau Kultur – „Offline Clubs“: Wenn Menschen bezahlen, um gemeinsam das Handy auszuschalten (https://www.tagesschau.de/kultur/offline-clubs-100.html)

Quelle

Tagesschau Kultur Originalveroeffentlichung: 2026-07-15T02:45:03+00:00