Kolumnist Andreas Merkel im Kampf gegen die WM-Sicht: Ein „Blind Date“ mit dem Fußball
Schriftsteller Andreas Merkel versucht einen WM-Boykott und berichtet über die Herausforderungen, wenn man als lebenslanger Fußballfan bewusst wegschaut – ein "Blind Date" mit Spielen, die ihn eigentlich interessieren müssten.


TITLE: Kolumnist Andreas Merkel im Kampf gegen die WM-Sicht: Ein „Blind Date“ mit dem Fußball
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EXCERPT: Schriftsteller Andreas Merkel versucht einen WM-Boykott und berichtet über die Herausforderungen, wenn man als lebenslanger Fußballfan bewusst wegschaut – ein „Blind Date“ mit Spielen, die ihn eigentlich interessieren müssten.
CATEGORY: Kino-News
TAGS: Fußball-WM, Kolumne, Andreas Merkel, Boykott, Deutschland
SEO_TITLE: WM-Kolumne: Andreas Merkel über den schwierigen Verzicht auf das Zuschauen
SEO_DESCRIPTION: Schriftsteller Andreas Merkel versucht, die Fußball-WM 2026 zu boykottieren und schildert humorvoll und nachdenklich die Hürden dieses „Blind Dates“ mit dem Sport, der ihn sein Leben lang begleitet hat.
MEDIA_QUERY: Fußballstadion mit Fans, die Jubeln
IMAGE_ALT: Fans jubeln in einem Fußballstadion während eines Spiels.
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 hat begonnen, doch für Schriftsteller und lebenslangen Fußballfan Andreas Merkel steht eine ungewöhnliche Herausforderung im Raum: Er hat sich vorgenommen, die Spiele bewusst nicht zu verfolgen. In seiner Kolumne für die FAZ beschreibt er diesen Selbstversuch als eine Art „Blind Date“ mit dem Sport, den er eigentlich liebt. Merkel, der sich selbst als „Ghostcoach“ bezeichnet, setzt sich mit Spielen auseinander, die er nicht gesehen hat, die ihn aber aus fußballbiografischen Gründen hätten interessieren können.
Der Beginn des Boykotts
Merkels Versuch, dem WM-Geschehen aus dem Weg zu gehen, startete mit vermeintlich einfachen Hürden. Die Partie USA gegen Paraguay, die er auch unter normalen Umständen wohl nicht verfolgt hätte, passierte er ohne emotionale Beteiligung. Dies führte zu einer anfänglichen Euphorie und der Überzeugung, dass der „Nicht-Gucken“-Selbstversuch ein Selbstläufer werden würde. Er träumte von einer „Gelehrten-Existenz“, in der er sich abends in seiner Privatbibliothek mit Werken des norwegischen Schriftstellers Dag Solstad beschäftigt, der seinerseits über jede WM ein Buch geschrieben hatte – Bücher, die Merkel mangels Norwegischkenntnissen nicht einmal lesen könnte.
Herausforderungen im Alltag
Die Realität holte Merkel jedoch schnell ein. Statt in seinem Sommeranzug in der kühlen Bibliothek, fand er sich in seiner Berliner Schreibwohnung bei tropischen Temperaturen wieder, hörte Kendrick Lamar und bereitete sich auf die erste wirkliche Herausforderung vor: die „Königsdisziplin“, als Fußball-Fan Deutschland nicht zu gucken. Die anfänglich disziplinierte „Defensive des Nicht-Guckens“ geriet ins Wanken. Bei einem Spaziergang durch Tübingen mieden er und seine Frau bewusst Public-Viewing-Bereiche, während anderswo Studentinnen in Deutschland-Trikots jedes Tor bejubelten.
Rückfälle und Annäherungen
Im Laufe der Woche wurden die Regeln lockerer. Bei einem Verlänger-Fußballturnier mit Teilen der „Autorennationalmannschaft“ („Autonama“) in Stuttgart wurde Merkel bei der Abschlussfeier rückfällig und schaute ein Spiel. Zurück in Berlin verfolgte er mit seinem Sohn die zweite Halbzeit von England gegen Kroatien. Diese kleinen „Rückfälle“ ermöglichten ihm zwar, am nächsten Tag bei einem Tischtennisspiel in Berlin mit seinem Freund über die WM mitreden zu können, doch am Samstagabend stand er vor der nächsten großen Prüfung.
Die Party als soziale Hölle
Der Samstagabend versprach, die ultimative Bewährungsprobe zu werden. Merkel tauchte in die „Sozialkitt-Hölle“ aus Party und Fußball ein. Freunde aus einer „Denksportgruppe“, die sich seit der Pandemie regelmäßig trifft, um über Fußball und Literatur zu sprechen, riefen besorgt an. Merkel nahm an der Party teil, obwohl das Spiel nur auf einem kleinen Laptop in einem Nebenzimmer gezeigt werden sollte. Ein Freund lehnte dies als zu „pornös“ ab und wollte früh gehen, was Merkel als Vorteil sah, um dem direkten Anblick zu entgehen.
Umgang mit Nicht-Fußball-Guckern
Auf der Party begann der Smalltalk. Merkels Aussage, er gucke die WM „im Wesentlichen nicht“, stieß bei den anwesenden Nicht-Fußball-Guckerinnen auf wenig Überraschung. Während andere „Denkis“ die Feier verließen, um zu Hause zu schauen, wurde die Gastgeberin besorgt: „Ist das nicht hart für dich, jetzt als Einziger von deinen Freunden das Spiel nicht zu schauen?“ Merkel zog einen Vergleich mit einer Songzeile von Sophia Kennedy: „Being lonely makes you special, but being special makes you lonely too.“ Im Nebenzimmer verfolgten einige das Spiel auf dem Laptop.
Ein neues Gefühl der Normalität
Als Merkel und seine Frau die Party verließen und durch die warme Sommernacht in Prenzlauer Berg gingen, empfand er das Gefühl, kein Fußball mehr zu schauen, als „seltsam auserwählt“. Die Straßen waren gesäumt von Kneipen mit laufenden Fernsehern, aber auch von Bars mit normalem Betrieb, in denen Hipster saßen, die nicht einmal wussten, wie es um das Spiel stand. Merkel fühlte sich nun als einer von ihnen, „normal“ in einer Welt, die sich um das runde Leder drehte. Er dachte an die Hauptfigur aus Leif Randts Roman „Let’s talk about feelings“, der durch eine Freundin zum ersten Mal ins Stadion ging und dort Glücksgefühle erlebte.
Wichtige Fakten
| Aspekt | Beschreibung |
|---|---|
| Protagonist | Andreas Merkel, Schriftsteller und Fußballfan |
| Ziel | Bewusster Verzicht auf das Verfolgen der Fußball-WM 2026 |
| Methode | „Ghostcoach“-Ansatz, Auseinandersetzung mit ungesehenen Spielen |
| Herausforderungen | Alltägliche Versuchungen, soziale Verpflichtungen, persönliche Rückfälle |
| Ergebnis | Ein Gefühl der Normalität und Distanz zum dominanten Thema WM |
Diese Kolumne bietet einen humorvollen und doch nachdenklichen Einblick in die Herausforderungen, die ein bewusster Verzicht auf ein weit verbreitetes Massenphänomen wie die Fußball-Weltmeisterschaft mit sich bringen kann. Für die Leser von Kino6 Community, die sich für Film, Serien und die dazugehörige Kultur interessieren, bietet Merkels Text eine interessante Perspektive auf die Mechanismen der medialen Aufmerksamkeit und die persönlichen Entscheidungen im Umgang damit.
Quelle: FAZ Feuilleton – WM-KolumnE „Blind date“: Die Königsdisziplin ist „Deutschland-nicht-Gucken“ – https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball-wm/fussball-wm-2026-deutschland-nicht-schauen-ist-die-koenigsdisziplin-200951838.html
Quelle
FAZ Feuilleton Originalveroeffentlichung: 2026-06-21T21:11:06+00:00
Leonie Weber
Kino-News-Redakteurin
